ECTAA fordert einen breiteren Zugang zu Tarifen und Inhalten: Das EU-Passagierpaket löst einen neuen Streit um den Vertrieb aus
Die Europäische Kommission möchte es Reisenden erleichtern, multimodale Reisen zu vergleichen und zu buchen. Die ECTAA unterstützt dieses Ziel, weist jedoch auf ein Problem hin, das bei Reisebüros und TMCs bestens bekanntDer Vergleich ist nur dann aussagekräftig, wenn der Händler Zugang zu den verglichenen Angeboten hat.
Im Mai stellte die Europäische Kommission das „Passagierpaket“ vor, eine Reihe neuer Vorschriften, die die Buchung von Reisen mit mehreren Beförderungsunternehmen und verschiedenen Verkehrsträgern vereinfachen sollen. Das Ziel ist ziemlich klar: Für Reisende soll es einfacher werden, ihre gesamte Reise zu suchen, zu vergleichen und zu buchen, insbesondere wenn mehrere Bahnunternehmen oder eine Kombination verschiedener Verkehrsträger beteiligt sind.
Das Problem ist, dass der heutige Markt noch weit von einem solchen Modell entfernt ist. Die Analyse der Kommission anhand von 100 repräsentativen Strecken in der Europäischen Union ergab, dass in 76 Prozent der Fälle eine multimodale Option bestand. Allerdings zeigten nur sehr wenige digitale Plattformen Angebote verschiedener Verkehrsträger gemeinsam an, und noch weniger ermöglichten deren tatsächliche Kombination.
Da hat er sich einfach eingemischt. Europäischer Rat der Branchenverbände für Barrierefreiheit, der rund 80.000 europäische Reisebüros und Reiseveranstalter vertritt. Der Verband fordert das Europäische Parlament und den Rat auf, den Vorschlag zu ändern, bevor der neue Rechtsrahmen endgültig verabschiedet wird.
Behörden können nur das vergleichen, worauf sie Zugriff haben.
Das Hauptargument der ECTAA ist einfach und sehr praxisnah. Wenn ein Reisebüro, ein Online-Reisevermittler (OTA) oder eine andere Buchungsplattform keinen Zugriff auf einen bestimmten Tarif, eine bestimmte Verfügbarkeit, eine Zusatzleistung oder eine Funktion zur Betreuung nach der Buchung hat, kann es dem Reisenden kein vollständiges Angebot unterbreiten.
Daher fordert der Verband, dass faire, angemessene und nichtdiskriminierende (FRAND) Bedingungen konsequenter angewendet werden, wenn Verkehrsunternehmen Inhalte kontrollieren, ohne die ein echter Vergleich nur schwer möglich ist. Dies sollte nicht nur für den Schienenverkehr gelten. Nach Ansicht der ECTAA sollte dieselbe Logik gelten, unabhängig davon, ob der Nutzer mit dem Zug, dem Flugzeug, dem Bus oder einer Kombination mehrerer Verkehrsträger reist.
Das ist eigentlich der Kern der Debatte. Durch europäische Vorschriften lassen sich zwar eine transparentere Benutzeroberfläche und eine bessere Rangfolge der Ergebnisse vorschreiben, doch wenn ein bestimmter Vertriebskanal nur einen Teil der Inhalte erhält, kann der Nutzer nach wie vor nicht den gesamten Markt vergleichen.
NDC zeigt, warum es sich hierbei nicht nur um ein Eisenbahnproblem handelt.
Der Luftverkehr ist für Agenturen und TMCs von besonderem Interesse. In den letzten Jahren hat sich der Vertrieb von Flugtickets allmählich von einem Modell entfernt, bei dem fast alle relevanten Inhalte über dieselben Systeme verfügbar waren.
Dank NDC und direkter Verbindungen zu Fluggesellschaften haben die Fluggesellschaften nun wesentlich mehr Kontrolle darüber, wie sie Flugpreise, Marken-Tarife, Sitzplätze, Gepäck und andere Zusatzleistungen vertreiben. Gleichzeitig muss das über einen Kanal verfügbare Angebot nicht immer mit dem identisch sein, das der Passagier auf der Website der Fluggesellschaft oder über ein anderes Vertriebssystem sieht. Die ECTAA weist ebenfalls auf diesen Unterschied beim Zugang zu Inhalten hin.
Das bedeutet nicht, dass das NDC an sich ein Problem darstellt. Für viele Fluggesellschaften war es gerade das NDC, das ein vielfältigeres Angebot und einen moderneren Vertrieb ermöglichte. Aus Sicht einer Reisebüroagentur stellt sich jedoch eine andere Frage: Wie transparent ist der Markt wirklich, wenn sich Produkt-, Preis- und Servicefunktionen je nach Vertriebskanal unterscheiden?
Der Vorschlag der Kommission zielt bereits darauf ab, einen Teil dieses Bereichs zu regeln. Die neuen Vorschriften für multimodale digitale Mobilitätsdienste sehen unter anderem eine neutralere Darstellung der Angebote sowie Regeln für die Rangfolgekriterien vor. Der Vorschlag schränkt zudem die Möglichkeit ein, dass eine bezahlte Platzierung einfach zum Standardkriterium für die Rangfolge wird.
Die ECTAA möchte nicht, dass Brüssel vorschreibt, wie jede Durchsuchung ablaufen muss.
In diesem Punkt weicht die ECTAA teilweise vom Ansatz der Kommission ab. Der Verband befürwortet Transparenz: Der Fahrgast sollte wissen, warum ein bestimmtes Angebot an erster Stelle angezeigt wird und ob diese höhere Platzierung das Ergebnis einer kommerziellen Vereinbarung ist.
Er ist jedoch der Ansicht, dass die Aufsichtsbehörde nicht allzu detailliert vorschreiben sollte, wie die Standardanzeige der Ergebnisse aussehen soll.
Aus Sicht der Reisebranche ist diese Argumentation nachvollziehbar. Die günstigste Option ist nicht immer die beste. Für Geschäftsreisende können Faktoren wie Reisedauer, Zuverlässigkeit der Anschlüsse oder Flexibilität der Tickets wichtiger sein. Für Urlaubsreisende steht möglicherweise der Preis im Vordergrund. Ein Dritter möchte vielleicht weniger Zwischenstopps. Wenn alle Anbieter gezwungen sind, fast dasselbe Ranking-Modell zu verwenden, bleibt weniger Spielraum für die Entwicklung unterschiedlicher Buchungsprodukte.
Die ECTAA fordert daher eine verbindliche Offenlegung der Kriterien, aber mehr Freiheit bei der Art und Weise, wie die einzelnen Plattformen diese anwenden.
Wer wird die Beziehung zum Fahrgast steuern?
Der zweite heikle Punkt des Vorschlags betrifft die Bahnsteige.
Die Kommission möchte, dass Fahrgäste Fahrten, an denen mehrere Betreiber beteiligt sind, einfacher buchen und ein solches Ticket über die Plattform ihrer Wahl erwerben können. Dies könnte eines der größten Hindernisse für die Entwicklung des internationalen Schienenverkehrs in Europa beseitigen.
Die ECTAA warnt jedoch davor, dass dies die Position der marktbeherrschenden Plattformen der großen Eisenbahnunternehmen nicht weiter stärken darf. Sollten deren Plattformen zum Hauptvertriebsort für die Produkte und Dienstleistungen konkurrierender Anbieter werden, würden diese einen noch besseren Zugang zu Kunden, Daten und Vertriebskanälen erhalten.
Der Verband plädiert daher für einen anderen Ansatz: Inhalte sollten für verschiedene Plattformen und unabhängige Vertreiber zugänglich gemacht werden, anstatt einen noch größeren Anteil des Umsatzes auf die Plattformen der bestehenden großen Anbieter zu konzentrieren.
Für Reisebüros handelt es sich hierbei nicht um ein technisches Detail der europäischen Rechtsvorschriften. Es geht darum, wer künftig Zugang zu dem Produkt haben wird, wer es mit anderen Dienstleistungen kombinieren kann und letztendlich, wer die Beziehung zum Reisenden pflegen wird.
Genau aus diesem Grund geht es beim „Passenger Package“ um weit mehr als nur um Zugfahrkarten. Sollte es Brüssel gelingen, ein Modell zu schaffen, bei dem Verkehrsunternehmen ihre Angebote offenlegen und unabhängige Vermittler diese wirklich vergleichen und kombinieren können, könnten Reisebüros und TMCs eine neue Rolle beim Verkauf komplexerer multimodaler Reisen übernehmen.
Wenn der Zugang zu Inhalten weiterhin fragmentiert bleibt, stehen Reisenden zwar möglicherweise mehr Buchungsplattformen zur Verfügung als heute, doch haben sie dadurch nicht unbedingt einen besseren Überblick über den Markt.