
Die Europäische Kommission hat eine neue Tourismusstrategie vorgestellt: Was ändert sich?
Die neue europäische Strategie für nachhaltigen Tourismus sieht vor, digitale Instrumente zu entwickeln, Personal zu schulen und Tourismusdestinationen effektiver zu verwalten. Besonderes Augenmerk wird dabei auf die Wettbewerbsfähigkeit kleiner und mittlerer Unternehmen, die Verlängerung der Tourismussaison und die Entlastung der meistbesuchten Reiseziele gelegt.
Am 4. November 2026 stellte die Europäische Kommission die neue EU-Strategie für nachhaltigen Tourismus vor, die darauf abzielt, die Wettbewerbsfähigkeit des europäischen Tourismus zu stärken und die Probleme anzugehen, unter denen die Branche seit Jahren leidet. Arbeitskräftemangel, steigende Betriebskosten, der Klimawandel und die übermäßige Konzentration von Touristen auf bestimmte Reiseziele sind nur einige der Herausforderungen, denen sich Brüssel mit einem gemeinsamen europäischen Ansatz stellen will.
Für Tourismusunternehmen sieht die Strategie einen leichteren Zugang zu Wissen, digitalen Technologien und Daten vor, während den Reisezielen zusätzliche Instrumente zur Steuerung der Touristenströme zur Verfügung gestellt werden sollen.
Nach Angaben der Europäischen Kommission sichert der Tourismus mehr als 20 Millionen Arbeitsplätze und umfasst rund fünf Millionen Unternehmen in der EU. Bis zu 99 Prozent dieser Unternehmen sind kleine und mittlere Unternehmen, was erklärt, warum sie zu den Hauptzielgruppen der neuen Strategie gehören.
EU-Tourismusakademie: Ausbildung und neue Kompetenzen für die Tourismusbranche
Eine der wichtigsten angekündigten Initiativen ist die Gründung der Europäischen Tourismusakademie (EU Tourism Academy), die Mitarbeitern und Unternehmen dabei helfen soll, neue berufliche Kompetenzen zu erwerben.
Der europäische Tourismus hat seit langem Schwierigkeiten, qualifiziertes Personal zu finden. Gleichzeitig entstehen durch die Digitalisierung der Wirtschaft neue Kompetenzanforderungen, die vom Datenmanagement bis zum Einsatz künstlicher Intelligenz reichen.
Die Akademie sollte die berufliche Weiterbildung, den Erwerb geeigneter Kompetenzen und die Steigerung der Attraktivität von Berufen in der Tourismusbranche fördern.
Für Hoteliers, Reisebüros und andere Dienstleister könnte dies langfristig einen besseren Zugang zu Weiterbildungsprogrammen bedeuten, die auf die tatsächlichen Bedürfnisse der Branche zugeschnitten sind. Die Einzelheiten zur Teilnahme sowie die Verfügbarkeit der einzelnen Programme müssen jedoch noch endgültig festgelegt werden.
Digitalisierung des Tourismus und gemeinsame europäische Daten
Die Kommission plant den Aufbau der Europäischen Beobachtungsstelle für Tourismus (EU-Tourismusbeobachtungsstelle) und des Gemeinsamen Europäischen Datenraums für Tourismus.
Ziel ist es, eine effektivere Erhebung, einen effektiveren Austausch und eine effektivere Analyse von Daten zu ermöglichen, die Tourismusunternehmen und öffentlichen Einrichtungen bei der Entscheidungsfindung unterstützen können.
So könnten beispielsweise zuverlässigere Daten zur touristischen Nachfrage, zur Saisonalität und zu den Besucherströmen den Reisezielen dabei helfen, ihre Infrastruktur zu planen und die Touristenströme zu steuern. Hotels und andere Tourismusunternehmen könnten solche Daten nutzen, um ihre Kapazitäten, ihr Angebot und ihre Geschäftsaktivitäten zu planen.
Die Strategie sieht außerdem eine Initiative zur Vereinfachung der Verwaltungsauflagen im Tourismus vor, was insbesondere für kleine Unternehmen mit begrenzten personellen und finanziellen Ressourcen von Bedeutung ist.
Es handelt sich hierbei um geplante Maßnahmen und nicht um Systeme, die bereits allen Tourismusunternehmen in vollem Umfang zur Verfügung stehen.
Bewältigung des Overtourismus und Verlängerung der Saison
Eine der bedeutenderen Veränderungen im europäischen Tourismuskonzept betrifft die Art und Weise, wie die Leistung von Reisezielen gemessen wird.
Anstatt sich ausschließlich auf die Steigerung der Besucherzahlen und Übernachtungen zu konzentrieren, möchte die Europäische Kommission den Nutzen, den der Tourismus für die lokale Bevölkerung, die Wirtschaft und die Umwelt mit sich bringt, stärker in den Blick nehmen.
Zu diesem Zweck wurden ein europäisches Tourismusmanagementmodell, Empfehlungen für eine ausgewogene Tourismusentwicklung sowie eine Reihe praktischer Instrumente vorgestellt, die den Reisezielen helfen sollen, die Besucherzahlen effektiver zu steuern.
Ein solcher Ansatz ist besonders für Reiseziele im Mittelmeerraum interessant, die in den Sommermonaten eine außergewöhnlich hohe Touristendichte verzeichnen.
Die Kommission möchte zudem Reisen außerhalb der Hauptsaison fördern und die touristische Nachfrage in weniger bekannten Gebieten steigern.
Es ist wichtig zu betonen, dass die neue Strategie an sich keine allgemeinen Obergrenzen für die Zahl der Touristen oder eine einheitliche europäische Tourismusabgabe vorsieht. Die vorgeschlagenen Instrumente sollen den Staaten und Reisezielen dabei helfen, Maßnahmen auszuwählen, die auf die lokalen Gegebenheiten zugeschnitten sind.
Was bedeutet die neue Strategie für die Länder der Region?
Für Kroatien ist die Frage einer ausgewogenen Entwicklung des Tourismus von besonderer Bedeutung. Nach neuen Schätzungen der Gemeinsamen Forschungsstelle (JRC) der Europäischen Kommission übersteigt die gesamtwirtschaftliche Wirkung des Tourismus in Kroatien 20 Prozent der Bruttowertschöpfung, wenn neben den direkten Einnahmen auch die Auswirkungen auf Zulieferer und der durch die Tourismuseinnahmen generierte Konsum berücksichtigt werden.
Damit gehört Kroatien zu den europäischen Ländern, in denen der Tourismus einen besonders starken Einfluss auf die Wirtschaft hat.
Die neue Strategie könnte für kroatische Tourismusdestinationen von Vorteil sein, die bestrebt sind, die Saison zu verlängern, die Ausgaben der Gäste zu steigern und den Druck auf die lokale Infrastruktur während der Sommermonate zu verringern.
Für Slowenien, Österreich, Deutschland und andere europäische Länder sind zudem Initiativen von Bedeutung, die auf eine bessere Verkehrsanbindung, die Digitalisierung und die Entwicklung von Tourismusangeboten abzielen, die nicht ausschließlich an die Hauptsaison gebunden sind.
Die Europäische Kommission legt besonderen Wert auf multimodales Reisen, d. h. auf eine einfachere Verknüpfung verschiedener Verkehrsträger. Ein solcher Ansatz könnte für Küsten-, Insel- und abgelegene Reiseziele von Vorteil sein, wo die Verfügbarkeit von Verkehrsverbindungen einen direkten Einfluss auf die Wettbewerbsfähigkeit des Tourismus hat.
Was ist mit den angekündigten 18 Milliarden Euro?
Neben der Vorstellung der Strategie wurde auch die europäische Förderung für den Tourismus in Höhe von rund 18 Milliarden Euro erwähnt.
Dieser Betrag stellt jedoch keinen neuen Fonds dar, der ausschließlich für die Umsetzung der Strategie bestimmt ist.
Dies bezieht sich auf die geschätzte Gesamtförderung für den Tourismussektor im Rahmen bestehender europäischer Förderprogramme für den Zeitraum 2021–2027, darunter die Kohäsionspolitik, die Aufbau- und Resilienzfazilität sowie die Programme „Horizont Europa“ und „Binnenmarkt“.
Nach den Ausführungen des EU-Kommissars für nachhaltigen Verkehr und Tourismus, Apostolos Tzitzikostas, soll der Sektor bis zum Ende dieses Finanzzeitraums in etwa den genannten Betrag erhalten.
Für Tourismusunternehmer bedeutet dies, dass Fördermöglichkeiten weiterhin von den einzelnen Programmen, deren Bedingungen und den verfügbaren Ausschreibungen abhängen. Die bloße Veröffentlichung der Strategie führt nicht automatisch zur Eröffnung neuer Förderausschreibungen.
Wann können Tourismusunternehmen mit konkreten Veränderungen rechnen?
Die neue europäische Strategie dient derzeit eher als Rahmen für künftige Maßnahmen und nicht als Regelwerk, das den täglichen Betrieb von Hotels, Reisebüros und anderen Tourismusunternehmen unmittelbar verändert.
Die Europäische Kommission muss bestimmte Initiativen noch genauer ausarbeiten, darunter eine Tourismusakademie, digitale Systeme und Instrumente für das Destinationsmanagement.
Daher wird es für die Tourismusbranche wichtig sein, die Veröffentlichung von Umsetzungsplänen, konkreten Programmen und Fördermöglichkeiten im Auge zu behalten.
Es wird besonders interessant sein zu sehen, inwieweit die angekündigten Instrumente für kleinere Unternehmen zugänglich sein werden. Diese machen fast die gesamte Struktur der europäischen Tourismuswirtschaft aus, verfügen jedoch oft über die geringsten Ressourcen für Investitionen in Technologie, Mitarbeiterschulungen und die Anpassung an neue Marktanforderungen.